Udo Rutschmann

23.02.-14.06.2026 | Udo Rutschmann „Die Beobachterin“

  • Kunsterlebnis: Ausstellungseröffnung am 22.02.2026
Ausstellung
Bildrechte EPNU
UDO RUTSCHMANN

Lebenslauf:

Udo Rutschmann geboren in Augsburg, ist ein international tätiger Bildhauer und Zeichner.
Ausbildung Architekturstudium an der London Metropolitan University.
Danach Studium der Bildhauerrei an der Alanus Hochschule in Alfter/Bonn.
Lehrtätigkeit Gastdozent an der Zayed University Abu Dhabi und bis 2019 Dozent der Universität Augsburg im Bereich Bildhauerei.

Ausstellungen u. a. in Dubai, Madrid, Rom, Vilnius, München, Wien und Augsburg.
Aufnahme in das Atelierförderprogramm des Bayrischen Staatsministeriums,
Gastvorträge für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Dubai

Wettbewerbe
1. Preis LabArt Contest Kunstwettbewerb Rom (Skulptur)
1. Preis London International Creative Award (Skulptur)
1. Preis Emballissimo, Wien Papiergestaltung
York (UK) Aesthetica Art Prize (longlisted)
Venedig, Liquid Kunstwettbewerb ehrenwerte Erwähnung


Die Beobachterin von Udo Rutschmann Petruskirche Neu-Ulm Einführung von Michael Grau / Moritzkirche Augsburg 22.02.2026

Michael Grau
Bildrechte Dietrich

Lieber Jean Pierre Barraud, lieber Udo Rutschmann, vielen Dank für die Einladung! 
Ich freue mich sehr, heute Abend Teil dieser Eröffnung zu sein und mit ein paar Gedanken in diese Arbeit und in diesen Dialog zwischen Kunst und Kirchenraum einführen zu dürfen.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mit einer Frage beginnen. Was bewegt Menschen Künstler zu werden? 
In meiner Funktion als Kunstreferent an der Moritzkirche in Augsburg durfte ich viele Künstlerinnen und Künstler kennenlernen. So auch Udo Rutschmann, mit dem mich seit 5 Jahren eine Freundschaft verbindet und dessen Beobachterin 2023, in anderer Form und in anderer Ausrichtung im Raum, zu sehen war.

Die Beobachterin ist Schluss- und Höhepunkt einer Werkgruppe, die von einer besonderen Lebensphase des Künstlers geprägt ist. 
Was bewegt Menschen Künstler zu werden? Künstlerinnen und Künstler sind Menschen mit einer besonderen Fantasie und Vorstellungskraft, mit außergewöhnlichem Kreativitäts- und Gestaltungspotential, aber, und vielleicht am bedeutsamsten: es sind Menschen mit einem sensiblen Sensorium, feinfühligen Wahrnehmungsantennen in unsere Wirklichkeit hinaus und für einen existenziellen Blick in uns selbst hinein.

Der deutsche Kunsttheoretiker Bazon Brock begründet ‚die Freiheit der Kunst mit der individuellen Autorenschaft des Künstlers‘, also einem gänzlich unabhängigen, subjektiven Blick über den üblichen Tellerrand hinaus und von außen auf die Gesellschaft und unser Leben insgesamt – ohne dabei Antworten zu geben, sondern alles in Frage zu stellen. Ich glaube, dass es diese Fähigkeit zur Reflexion und die Faszination für die wesentlichen Anfragen an unsere Existenz sind, die KünstlerInnen dazu bewegt, diesen besonderen Weg einzuschlagen.

Udo Rutschmann verbindet in hohem Maße diese Fähigkeit mit dieser Faszination. Seine Beobachterin mag ein Beispiel dafür sein, sie macht für mich aber darüber hinaus exakt diese künstlerische Haltung zum eigenen Thema. Die Beobachterin ist eine überlebensgroße Plastik. Sie steht mittig im Gebäude, mitten im Weg, im Zentrum dieses Gemeinderaums – mitten in der Stadt. Sie ist geformt aus einem filigranen Liniennetz, fast wie eine Zeichnung. Geformt aus vielen gerissenen Streifen von Gipsbinden. Nicht Gips aus dem Baumarkt, sondern bewusst wählt Udo Rutschmann teure medizinische Gipsbinden.

Udo Rutschmann würde es vermutlich anders ausdrücken, mir gefällt aber der Gedanke, dass die Beobachterin aus Material geformt ist, das verletzte menschliche Anatomie stützt und zu seiner Heilung beiträgt, insbesondere hier im Kontext eines Kirchenraums. In der Kunst kann nicht nur die gestaltete Form, sondern bereits die Wahl der verwendeten Materialien selbst, Symbolwert erhalten.

die Beobachterin
Bildrechte Dietrich

Die Beobachterin steht aufrecht, stabil auf einem soliden Fundament, mit erhobenem Haupt. Eine Körperhaltung, die ich mir selbst oft mehr wünschen würde. Sie verwendet keinen Kontrapost aus Stand- und Spielbein, sondern betont die anatomischen Eckpunkte und Proportionsverhältnisse, verzichtet aber auf jede Bewegungsdynamik. Die Beobachterin ruht in sich, scheint ins sich hineinzuhören, sie ist sich selbst bewusst: Wahrnehmung aus einer inneren Ruhe und nicht in einer aufsammelnden Dynamik, wie sie in unserer digitalisierten, hektisch fortschreitenden Zeit zur Gewohnheit geworden ist. Sind ihre Augen geschlossen? Womit mag sie wahrnehmen, beobachten?

Es ist das Körperkleid, aus dem Liniengeflecht der Gipsstreifen, das als Sensorium dient, das alles im Raum - und darüber hinaus - wahrzunehmen scheint. Sie tut dies nicht heimlich belauschend, sondern sie tut es mitten im Raum, mitten unter uns und wird so selbst zur Beobachteten. In der Kunst, insbesondere in der zeitgenössischen Kunst, spielt der Kontext eine überdimensional wichtige Rolle. Stellen wir uns die Beobachterin an einem anderen Ort vor, im Rathaus, im Museum, im Stadtwald, auf dem Marktplatz, in der Shopping-Mall, wir würden sie mit völlig anderen Augen sehen und Udo Rutschmann würde sie sicher wieder neu auf den Kontext ausrichten.

Jetzt steht Die Beobachterin hier in diesem Sakralbau der Petruskirche, nicht als Teil einer Kirchen-Ausstattung, nicht als illustrierendes Bildwerk liturgischer Abläufe. Sie ist jetzt, für eine bestimmte Zeit, in diesen Raum gesetzt, als Dialog- und Diskurspartnerin, als wahrnehmendes und wahrzunehmendes Element, als Kunstwerk, das jede und jeden von uns, das ihre Gemeinde, das unsere Wirklichkeit befragt und in Frage stellt - und, die sich selbst befragen lässt.

Ich möchte Ihnen als Gemeinde gratulieren, dass Sie sich seit Jahren mit Kunst konfrontieren, dass sie sich jetzt wohlwollend beobachten lassen, dass Sie sich befragen lassen und bereit sind, sich selbst in Frage zu stellen.

Ich bedanke mich noch einmal herzlich für die Einladung und gratuliere Udo Rutschmann für diese beeindruckende Arbeit im Kontext der Petruskirche. Vielen Dank!

Ausstellungseröffnung Udo Rutschmann „Die Beobachterin“ am 22.02.2026

Seit nunmehr sechs Jahren gibt es Ausstellungen in der Petruskirche. Die 16. ihrer Art wurde am Abend des 22. Februar 2026 eröffnet. Es ist eine Installation des Augsburger Künstlers Udo Rutschmann mit den Namen „Die Beobachterin“. Sie ist bis zum 14. Juni während der Öffnungszeiten der Kirche und bei Veranstaltungen zu sehen.

Angela Rossi
Bildrechte Dietrich

Die überlebensgroße Skulptur besteht aus gerissenen Streifen und medizinischen Gipsbinden, wie Michael Grau erläuterte. Der ebenfalls Augsburger ist Referent für Kunst und Öffentlichkeitsarbeit in der Moritzkirche in der Augsburger Innenstadt. Dort war die Installation in einer etwas anderen Figuration bereits zu sehen.

Die Figur steht aufrecht mit erhobenem Haupt. Auf realistische Proportionen hat der Künstler verzichtet. Ein paar Teile bewegen sich bei entsprechendem Luftzug.

Sie ruht in sich und scheint sich ihrer inneren Ruhe bewusst zu sein. Da sie mitten im Raum steht, wird die Beobachterin mit ihren geschlossenen Augen zur Beobachteten.

In seiner Einführungsrede stellte Michael Grau die Frage: „Warum wird man Künstler?“ ohne sie letztlich zu beantworten. Er sprach vom gänzlich unabhängigen und subjektiven Blick, den Künstler für ihr Tun haben sollten. Und er gab an, dass sie ein sensibles Sensorium für ihre Umwelt haben müssten, um sich in ihrem Tun nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen.

Umrahmt wurde die Vernissage mit virtuosem Geigenspiel durch Angela Rossel, ebenfalls aus Augsburg, wo sie neben ihren Auftritten als Lehrbeauftragte für Violine am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg tätig ist. Die spielte zwei spannende Stücke, die sie eigens für diese „Beobachterin“ komponiert hatte.

Nach dem offiziellen Teil gab es die Möglichkeit zur individuellen Betrachtung des Kunstwerks und zum Austausch mit den anwesenden Künstler.

Hier noch ein paar persönliche Ansichten der Beobachterin. Ich bin gespannt, wie die Figur sich im Laufe der Zeit verändert, und wie sie all ihre Eindrücke für sich verarbeitet.

Thomas Dietrich

(wenn Sie das kleine "i" anklicken, kommen Sie zur Bildbeschreibung)

das Material - medizinische Gipsbindenvon nahemvon untendie Beobachterinmit geschlossenen Augenvon oben