Klaas Klosterboer

11.10.-23.11.2025 | Klaas Klosterboer „Was ist der Mensch“

Ausstellung
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KLAAS KLOOSTERBOER

Lebenslauf:

Klaas Kloosterboer, geboren 1959 in Noord/Zuid Schermer, Niederlande, ist ein niederländischer Künstler, der für seine abstrakten Gemälde und großformatigen, an Anzüge erinnernden Skulpturen bekannt ist. Kloosterboers Werk erforscht die Spannung zwischen Dekonstruktion und Konstruktion. Oft beginnt er damit, traditionelle Vorstellungen von Malerei aufzulösen, indem er Formen und Farben in ihre Bestandteile zerlegt. Anschließend rekonstruiert und erschafft er aus diesen Elementen neue Kompositionen, die die Erwartungen und Wahrnehmungen der Betrachter herausfordern. 
Die bahnbrechende Ausstellung „Dumb Painting“ von 1992 im Centraal Museum in Utrecht, positionierte ihn neben bekannten Künstlern wie Steven Parrino und Ian Davenport. Darüber hinaus präsentierte das Kröller-Müller Museum kürzlich eine Einzelausstellung zu Klaas Kloosterboer mit dem Titel „Die Regeln und das Spiel“ (Juli 2022 – Januar 2023). Diese bot einen umfassenden Überblick über sein Schaffen und hebt sein charakteristisches Zusammenspiel dekonstruktiver und konstruktiver Methoden hervor. 
Werke von Klaas Kloosterboer befinden sich in ständigen Sammlungen des Stedelijk Museums in Amsterdam, des Rijksmuseums in Amsterdam, des Boijmans Museums in Rotterdam, des Kröller-Müller-Museums in Otterloo sowie in bedeutenden Sammlungen in den Niederlanden und im Ausland.
Text: Hidde van Seggelen (Galerist/Hamburg) Übersetzung: Elke Seifert(SeifertEnglish/Ulm)

Zur Verfahrenslogik von Klaas Kloosterboer:

Anzüge, Handschuhe und die Verleugnung der Malerei 
Das Auftreten von Objekten wie den „Anzügen“ und anderen Kleidungsstücken im Werk von Klaas Kloosterboer verlangt nach einer kritischen Betrachtung, die über eine bloße stilistische Besonderheit hinausgeht.
Diese Arbeiten bewegen sich im schwierigen Erbe der Malerei nach dem Ende der klassischen Moderne und den Einflüssen von Konzeptkunst und Postminimalismus.
Klosterboers Arbeiten fungieren als kritische Interventionen. Sie sind weniger als Skulpturen zu verstehen, sondern vielmehr als Operationen innerhalb des erweiterten und zweifellos umkämpften Feldes der Malerei. Kloosterboer arbeitet stets im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und konkreter Handlung. Er hinterfragt dabei die Grundelemente der Malerei und ihre gewohnten Präsentationsformen. Seine Anzüge sind so etwas wie Reaktionen auf die Grenzen des Mediums. Sie folgen einer eigenen Logik und vereinen unterschiedliche Materialien, wodurch sie den traditionellen Anspruch der Malerei auf Einheit und Aura herausfordern. Stattdessen propagieren sie Produktionsweisen, die im Handeln und in der Kontingenz verankert sind. Die materialspezifische Beschaffenheit und die Herstellungsweisen dieser Objekte sind dabei entscheidend. Die handgenähten, lebensgroßen Anzüge erinnern zwar an die traditionelle Künstlerleinwand, ersetzen jedoch das Malen durch Schneiden und Nähen, also manuelle handwerkliche Arbeit. Ähnlich ersetzen die Handschuhe, die „ganz oder teilweise in Farbe getaucht“ beschrieben werden, die feine malerische Geste durch einen groben, fast industriellen Vorgang.
Diese Betonung des Prozesses – des Schneidens, Nähens, Tauchens, Schleuderns von Farbe – verweist auf eine Form von Anti-Handwerk, in der künstlerische Virtuosität durch nachvollziehbare, oft aggressive physische Handlungen ersetzt wird. Solche Arbeiten dekonstruieren die Malerei mit ihren eigenen Mitteln. Auch wenn Kloosterboer bekannte Formen wie Anzüge oder Handschuhe verwendet, werden diese durch künstlerische Prozesse verändert. Damit kehrt er die Logik des Readymade – etwa Duchamps Urinal – um. Nicht das gefundene Objekt an sich, sondern die Bearbeitung und Verwandlung durch Material und Prozess machen das Werk aus.

Somit verweist die Anwendung von Prozess und materieller Transformation das Werk klar zurück ins Atelier. (Interessant ist hier der Rückblick auf die Ausstellung Dumb Painting 1992 im Centraal Museum in Utrecht, mit der Kloosterboer einem größeren Publikum bekannt wurde.) Damals stand er neben Künstlern, die radikal reduzierten oder Malerei nahezu „verstummen“ ließen – etwa Steven Parrino oder Bernard Frize. Doch Kloosterboer fiel durch eine „spielerische und forschende“ Haltung auf. Er suchte nicht nach reiner Negation oder Abstraktion, sondern nach einer „konkreten Vorstellungskraft“. Die „Dummheit“ seiner Anzüge und Handschuhe liegt in dieser Hinwendung zur konkreten Handlung und in der wörtlichen Präsenz des Objekts. Es ist eine Weigerung, traditionelle malerische Ausdruckskraft zu bedienen, zugunsten der nüchternen Tatsächlichkeit des Prozesses.

Damit erfüllt er auch sein eigenes Ziel, dass seine Werke „den Künsten entkommen“ sollen. Diese Verspieltheit kann zudem als Strategie verstanden werden, die den feierlichen Ernst der abstrakten Malerei und ihrer Kritik unterläuft. Aus der Perspektive eines Museums – im Hinblick sowohl auf die Anzüge (inzwischen zwei in Voorlinden!) als auch auf die Gemälde – werfen die Objekte weiterhin kritische Fragen auf. Ihre Aufnahme in eine Sammlung nimmt ihnen nicht automatisch ihre Herausforderung. Denn sie sind Handlungen verpflichtet, die Materialität und Prozess über ästhetische Feinheit stellen. Damit verweigern sie sich einer schnellen und einfachen Konsumierbarkeit. Sie verkörpern eine Praxis, die, während sie die Materialien nutzt und sich mit der Geschichte der Malerei auseinandersetzt, darauf beharrt, ihre Konventionen in die komplexen Realitäten des „Hier und Jetzt“ einzuführen – und dabei eine kritische Schärfe gegenüber ihrer eigenen institutionellen Anerkennung bewahrt.
Hidde van Seggelen(Galerist/Hamburg)
Übersetzung aus dem Englischen (Elke Seifert/Ulm)

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10.10.2025 Ausstellungseröffnung
Objekt
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„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“, schrieb schon 1920 der Maler und Graphiker Paul Klee.

Und dieses Zitat passt wunderbar zur neuen Ausstellung, die am Abend des 10. Oktober 2025 in der Petruskirche eröffnet worden ist. Mit dem Titel „Was ist der Mensch?“ wird eine Installation des Niederländers Klaas Kloosterboer gezeigt, die schlicht und rätselhaft „24116, 2024“ heißt.

Das Werk besteht aus einem blauen Overall und vier mit farbigem Stoff bezogenen Leinwänden. Es hängt an der Rückwand der Kirche an einem Haken. Davor hängt noch ein Seil. Wie Kirchenrat Helmut Braun, Kunsthistoriker M.A. und Leiter des Kunstreferates der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, erläuterte, ist dieses Objekt die erste Station einer Wanderausstellung und in Petrus bis zum 23. November während der Öffnungszeiten zu sehen.

Ferdinand Schlichtig
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Im Wechsel mit meditativen Musikstücken, die Ferdinand Schlichtig auf der E-Gitarre wunderbar spielte, ließ Braun seinen Gedanken zu der Installation freien Lauf.

Der übergroße Overall, der kein vorne und kein hinten hat, sondern auf beiden Seiten geschlossen ist … Daneben auf Augenhöhe die blaue Fläche, die an „Monochrome Blau“ von Yves Klein von 1956 erinnert, das in Stuttgart in der Staatsgalerie hängt … Das Seil mit seinen Schlingen und Knoten an beiden Enden … Es ist eine vestimentäre Skulptur, was bedeutet, das mittels Kleidung etwas zum Ausdruck gebracht wird … Wie zum Beispiel auch Theaterkostüme, die an ein bestimmtes Stück, an eine:n bestimmte:n Darsteller:in erinnern …

Kirchenrat Helmut Braun
Bildrechte Dietrich

Repräsentiert das Werk, wie man im Zusammenhang mit dem Ausstellungsort, andenken könnte, Jesus ... 
Oder ist es wegen des Stricks etwa Judas … 
Welche Perspektiven werden andere Betrachter:innen haben …

Münden sie in den Fragen:

  • Was kann ich wissen?
  • Was soll ich tun?
  • Was darf ich hoffen?
  • Was ist der Mensch?

Nach diesen musikalisch ummantelten Gedankenspielen und einem Dank an Pfarrer Jean-Pierre Barraud, der die Petruskirche immer wieder für spannende Kunstprojekte offen hält, sagte Braun noch Folgendes: „Es ist als offenes, partizipatives Kunstwerk angelegt: Während Overall und blaue Fläche fest installiert bleiben, können die drei anderen Tafeln variabel neu gesetzt werden.“

Ausstellungseröffnung

Bild: Thomas Dietrich

Lesung am 1.11.2025
Lesung
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Am 1. November fand im Rahmen der aktuellen Ausstellung in der Petruskirche wieder eine Lesung statt. Vor dem Hintergrund der Installation von Klaas Kloosterboer lasen vor zahlreichem Publikum Christel Mayr und Florian L. Arnold Texte zum Ausstellungsthema „Was ist der Mensch?“.

Unter dem Titel „Conditio humana“ hatte Arnold verschiedene Texte rausgesucht, die sich mit den Bedingungen des Menschseins befassen. Unterteilt in Abschnitte wie „Kindheit“, „Erwachsensein“, „Liebe“, „Alter“ etc. lasen die Beiden sehr unterschiedliche, anregende Gedichte und Geschichten von Erich Kästner, Peter Handtke, Stefan Zweig, Mascha Kaleko, Erich Fried, Florian Arnold selbst, Pega Mund und Philipp Ludi. – Auch Liedtexte von Reiner Kunze und Herbert Grönemeyer passten da bestens in die Abfolge.

Zwischendrin spielte Alexander Walz auf dem E-Piano. Seine gefühlvollen Improvisationen nahmen die Stimmung der Texte auf und ließen sie kongenial durch den Raum schweben.

Den Abschluss bildete wie schon im letzten Jahr das Gedicht „In Sand geschrieben“ von Hermann Hesse, das den Abend beschloss mit den Worten: „Wir lieben, was uns gleich ist, und verstehen, was der Wind in Sand geschrieben.“

Thomas Dietrich