26.10.-24.11.2024 | Freya Blösl „Was bleibt ? Erinnerungsarbeiten“
- Kunsterlebnis: Vernissage am 25.10.2024
FREYA BLÖSL
- 1957 geboren in Frankfurt am Main.
- Aufgewachsen in Bad Camberg und Wiesbaden.
- Lebt in der Nähe von Ulm.
- Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler (BBK)
Liebe Freunde der Kunst,
vorab eine kurze Bemerkung – es wird in meiner Einführung nicht so sehr um eine Erklärung der ausgestellten Exponate gehen. Ebenso so wenig nehme ich Sie wie einen Blinden an der Hand und erzähle Ihnen detailliert, was gerade an uns verbeizieht. Biografische Hintergründe spare ich ebenfalls aus, Freya Blösl ist munter unter uns, ihren spannenden künstlerischen Werdegang kann sie besser wiedergeben als ich aus zweiter Hand – sie war ja schließlich dabei.
Mein grundsätzlicher Ansatz bei Ausstellungseinführungen ist:
Ich versuche weniger über die Arbeiten zu sprechen, vielmehr gebe ich zu Protokoll, wie ich mit den Werken in Berührung gekommen bin, was sie in mir ausgelöst haben und meine Hoffnung ist, Ihnen einen Impuls zu geben – und meine Bestätigung wäre, wenn ich Aspekte gefunden hätte, die die Künstlerin so vielleicht noch gar nicht für sich entdeckt hat. Wobei, die interessantesten Diskussionen entwickeln sich ja im Dissens, zwischen dem, was der Künstler ausdrücken will, dem was der Betrachter wahrnimmt und dem was das Kunstwerk sagt, was in ihm Inne wohnt: Ein Hoch auf die werkimmanente Betrachtung!
»Was bleibt?«
Der Titel der Ausstellung / die aufgeworfene Frage impliziert, dass etwas gewesen ist, das nicht mehr ist. So einfach, so konkret die Frage, so komplex die Antwort, die abhängig ist, wer sie beantwortet. Durch die (sprichwörtliche) Brille des Pfarrers gesehen, wird die Antwort eine andere sein, als die von Freya Blösl, die sich in ihrer Erinnerungsarbeit, da persönlich betroffen, ganz anders nähert.
Sicher wird jede/r im Raum sich schon einmal gefragt haben, was von einem bleibt, wenn sich das Zeitliche segnet, das Hier und Heute endet. Wer wird sich wie an mich erinnern, was habe ich weitergegeben, was ist mein Vermächtnis? Und sicher haben nicht wenige diese Fragen schnell auf die Seite geschoben, sind sie uns doch unangenehm – vergleichbar mit Begriffen wie Patientenverfügung, Vorsorgelücke, Betreuungsvollmacht ... Tablet/Handy gestählte Menschen wischen das einfach weg und dann kommen schon die besseren Bilder … Das geht heute nicht, denn Freya Blösl stellt uns – was auch die Aufgabe von Kunst sein kann …
Als Künstlerin hat Freya Blösl eine Intention, eine grobe Idee, vielleicht manchmal „nur“ die Lust am Tun, am Experimentieren wie sie das zum Beispiel bei ihren Arbeiten auf Papier praktiziert.
Da kommen Zeitschriftenschnipsel, getrocknete Farbreste und Ergebnisse von Zufallstechniken zusammen, auf die die Künstlerin reagiert. Es hört sich vielleicht esoterisch an, wenn ich behaupte, dass die Materialien sich suchen, sich finden – doch gelingt das nicht immer und ohnehin bedarf es die ordnende, die (wie Max Ernst sagt – heute ein schwieriges Wort) ausbeutende Hand der Kreativen, die das irgendwie geartete Material, das in ihren Fundus kommt, strukturiert.
Die traurige Fundus-Erweiterung
Freya Blösls Ausgangspunkt für diese Arbeiten war der Tod der Mutter 2019, das Kümmern um den Nachlass, was einerseits eine administrative Seite hat und andererseits eine zutiefst private. Und, spannende Frage: Wie geht eine Künstlerin damit um, die vom Fund, von Fundmaterialien inspiriert wird?
In dem Lied »Altes Fieber« der Punk-Rock-Band Die Toten Hosen heißt es:
Wir machen alte Kisten auf
Holen unsere Geschichten raus
Ein großer, staubiger Haufen Altpapier
Wir hören Musik von früher
Schauen uns verblasste Fotos an
Erinnern uns, was mal gewesen war
Der Blick zurück, das sich einfühlen in den gegangenen Menschen, in die eigene Vergangenheit … bewirkte bei Freya Blösl den Impuls diese alten Kisten so zu öffnen, dass daraus ein Kunstwerk wird, das mit ihr zu tun hat, das aber über die persönliche Betroffenheit hinausweist und etwas Allgemeingültiges bekommt.
Nicht grundlos findet deshalb diese Ausstellung in einer Kirche, in der Petruskirche Neu-Ulm statt. Ich habe immer die Kraft des positiven Gedankens und der Zuversicht in einem Gotteshaus bewundert, denn der Blick ist weniger Retrospektiv, vielmehr ausblickend: was kommt:
- bei der Taufe: das Geschenk des Lebens,
- bei der Hochzeit: die Verbindung, die Liebe, die gemeinsame Fürsorge, Familie,
- bei der Beerdigung: die Überwindung des Todes, ein Eintritt in das himmlische Jerusalem, ein seelisches Dasein, wie es für uns unvorstellbar ist?
Joseph Niepce belichtet 1826 acht Stunden eine mit Asphalt beschichtetet Zinnplatte und nimmt damit das erste beständige Foto auf. Ab sofort halten Fotos die Welt fest, die Zeitgeschichte, Menschen, Momente. Erst schwarz-weiß, dann bunt, analog, digital, digital bearbeitet, jetzt bereits Ki-erstellt … Fotos dienen als sachliche Info wie im Personalausweis, sind Kunstwerke wie bei Wolfgang Tilmans oder nur ein Medium in der Werbebeilage, das uns den Schweinehals für 4,99 das Kilo schmackhaft darstellen möchte.
Mich berühren alte Fotos, wie man sie immer wieder auf Flohmärkten findet: Die Menschen haben sich in Schale geschmissen, sind zum Fotografen gegangen, vielleicht hingen diese Bilder für lange Zeiten in Häusern, die nicht mehr stehen. Niemand erinnert sich mehr an all diese Gesichter, die doch Zeugnis ablegen, dass da jemand da war! In mir kommen dann folgende Gedanken auf: Müsste man nicht aus Gründen der Pietät all diese Fotos erstehen und sie würdevoll aufbewahren? Wer kauft sich Fotos von Menschen, die er nicht gekannt hat, wenn schon die Angehörigen sie nicht wollen und was macht man damit? Der Straßenhändler hat sie ja nicht aus Dekogründen dabei? Darf man fremde Bilder erwerben und sie verarbeiten? Das Bildmaterial auf das Freya Blösl zugreift, ausstanzt ist ihr bekannt, stammt aus dem Nachlass, sie kennt bzw. kannte vielleicht die eine oder andere Person; hat Menschen, die abgelichtet sind und noch leben aufgesucht. Diese Abbilder haben sie zudem zur Ahnenforscherin werden lassen.
Von der Decke hängend
Ein narrativer Vorhang, eine schwarz-weiß-bunte Kette, die durch die verbindenden Faltenhalter zum schützenden Kettenhemd wird –
Verblasste Fotos anschauen, sich erinnern was mal gewesen ist, wie es in »Altes Fieber« heißt.
Wie soll ich mich als Betrachter erinnern, wenn ich nicht teil war? Ich nehme diese fremde Geschichte einer Person/einer Familie einfach fiktional an, denn diese private Arbeit war ursprünglich nie für die Öffentlichkeit gedacht. Die fremde Geschichte ist sowas wie ein Film oder ein Roman, etwas Erfundenes, das mich in seinen Bann zieht und in mir etwas auslöst, was interessante Geschichten nun mal so tun. Das ist sicher ein Merkmal von Kunst, guter Kunst: nachhaltig Impulse geben.
Es gibt Tagebücher, in denen die geheimsten Gedanken niedergeschrieben werden und ob diese Niederschrift auf Papier, in einer verschließbaren Kladde oder zeitgemäß in einem digitalen Endgerät stattfindet, spielt dabei keine Rolle: es geht um ein Zwiegespräch. Natürlich gibt es öffentliche Tagebücher von Personen der Zeitgeschichte, die aber möglicherweise schon unter dem Aspekt einer späteren Veröffentlichung verfasst wurden.
Was macht man mit einem Tagebuch, das man im Nachlass findet. Vernichten, weil es nie für andere Augen, als die des Schreibenden bestimmt war? Darf man darin lesen? Aber sind Tagebücher nicht auch eine wertvolle Quelle der subjektiven Geschichtsschreibung? Wer sich dafür grundsätzlich interessiert, dem sei das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen empfohlen, das um die 30.000 solcher Zeitzeugnisse besitzt.
Hier ist es so, dass Freya Blösl das Einverständnis der Mutter hatte, die Tagebücher nach dem Tod zu lesen. Bei dieser Arbeit wird zusammengesetzt was einst zusammengehörte und wiederum nicht, es werden Bezüge hergestellt und Brüche eingegangen.
In der Literatur gibt es die Technik des Cut-up und Fold-in, die von William S. Burroughs und Bryon Gysin entwickelt wurde: Texte werden auseinandergeschnitten, es werden mit nicht zusammengehörenden Seiten sprachliche Übergänge gesucht und so entstehen verblüffend-neue Texte mit einer gänzlich anderen Semmantik.
In einem Stammbaum verläuft das Leben schematisch: von Oben nach unten, aber wir wissen, dass wenn man große Ereignisse rausnimmt, sich das Leben oft ganz anders anfühlt: schnell, langsam, sich wiederholend usw.
Wo sind unsere Wurzeln und was hat uns verwundet, zeugen die Nähte davon und bilden sie Narben? Werden diese also zu sichtbaren Spuren, zu Linien – der Vergleich mit Lebenslinien drängt sich auf.
Das Ausgerollte ist irgendwie auch der Grafik zuzuschlagen, stellenweise konkret und partiell wirkt es fast abstrakt, es ist eine Decke aus Geschichten, ein Patchwork aus verschiedenen Papieren, ein Zeitstrahl von den 1920ern bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ein 5 Meter langes Sinnbild eines bewegten Lebens …
Als Stele wird seit der griechischen Antike ein hoher, freistehender, monolithischer Pfeiler bezeichnet. Stelen dienten oft als Grabmal oder auch als Inschriften- oder Grenzstein. Der Protagonist Port in dem Buch »Himmel der Wüste« von Paul Bowles verfällt in einen Zustand von Bewegungslosigkeit, Kälte erfasst ihn. Er ist dabei sich in einen Stein zu verwandeln. Steine sind unverletzbar.
Vielleicht wählt Freya Blösl deshalb keinen Stein für ihre Stelen, sondern ganz bewusst Raschelsäcke, in denen Zwiebeln aufbewahrt werden können.
Ich erwähne die Zwiebel weniger aus dem Grund, dass sie unsere Augen tränen lässt – die Assoziation zu den Erinnerungsarbeiten wäre ja sofort gegeben – für mich ist es eher das Bild aus der Bibel, dass wir aus der Erde/aus dem Staub kommen und wieder dorthin zurückkehren. Die Zwiebel hat auch im Erdreich ihren Ursprung. Was zurückbleibt ist sowas wie ihre Kleidung, ihre zweite Haut, die von Freya Blösl verarbeitet wird.
Selbst wenn die Pyramiden als ältester Bau des Menschen noch stehen: Steine sind auch nicht für die Ewigkeit. Vielleicht aber unsere Gedanken, Gefühle, Träume und nachwirkenden Taten.
Boris Kerenski
Vernissage Freya Blösl 25.10.2024
Am 25. Oktober gab es wieder einmal eine Vernissage in der Petruskirche. Für die neue Ausstellung unter dem Titel „Was bleibt? Erinnerungsarbeiten“ hat die bei Ulm wohnende Künstlerin Freya Blösl Dinge aus ihrer eigenen Vergangenheit aufgearbeitet.
Umrahmt von sphärischen Klängen, die Musiker Georg Daucher auf seinen experimentellen Instrumenten sowie mit Röhrenglocken und Gitarre hervorbrachte, und die das Publikum einluden, mit den Gedanken weit abzudriften, führte Pfarrer Jean-Pierre Barraud durch die Vernissage, in der Festredner Boris Kerenski, Leiter vom Kunstverein Esslingen und selber bildender Künstler, eine stimmungsvolle Eröffnungsrede hielt, die sich mit den Themen der Objekte gekonnt auseinandersetzte, ohne sie interpretierend einzuengen.
Zahlreiche Gespräche mit der Künstlerin, den Vortragenden und den Besucher:innen ließen den gelungenen Abend in der Kirche ausklingen.
Die drei Kunstwerke
Ein Leben in schwarz-weiß und bunt
Unter der Empore der Kirche hängt in der Mitte des Ganges ein großes mosaikartiges Teil, das aus lauter schwarzweißen und farbigen Fotografien aus dem Nachlass der Mutter besteht. Sie sind kreisrund ausgestanzt, verklebt, viermal genietet und mit kleinen weißen Kabelbindern miteinander verknüpft: Ein Leben in schwarzweiß und bunt. – Manch Betrachter wird sich dabei garantiert an die Fotoalben des eigenen Lebens und denen der Vorfahren erinnern und sich eventuell auf dem einen und anderen Bild selber in ähnlichen Situationen wiedererkennen.
Tagebucheinträge
In der Mitte des Raumes hängt an Kreuz und Empore befestigt ein langes Tuch wie eine Hängematte. Es besteht aus lauter Papierstücken in verschiedenem Format. Es handelt sich dabei um verarbeitete/vernähte Tagebucheinträge, die die Mutter der Künstlerin ihr Leben lang geschrieben und der Tochter zum Lesen vererbet hat. – Da das Ganze beidseitig funktioniert, lohnt es sich, sich auch unter das Gehängte zu legen, um dort weitere Einträge lesen zu können, die die Mutter mit ihrer schönen Schreibschrift notiert hat. – Am Anfang des Objekts liegt noch ein großes quadratisches Stück mit Teilen aus den Tagebüchern und bildet gewissermaßen den Auftakt zu dem Hängenden.
Wald der Tränen
Hinterm Altar stehen orangefarbene Gebilde, die wie Stelen ausschauen. Es sind Netze bzw. Zwiebelsäcke aus Plastik, die über einen Teil einer Plastikröhre in die Höhe kreisrund stabilisiert sind. Dieses wunderbar magisch anmutende Arrangement nennt sich Wald der Tränen und bildet einen trefflichen Abschluss der vorherigen Erinnerungsarbeiten.
Thomas Dietrich
