03.09. - 17.09.2022 | Bernhard Schmid: „Getragen“
- Kunsterlebnis: Gottesdienst und Vernissage am 03.09.2022
BERNHARD SCHMID
sein schaffen werden
Bereits in meiner frühesten Kindheit fühlte ich eine besonders innige Beziehung zu Bäumen. Sie waren für mich Lebens-Raum und vermittelten mir Geborgenheit.
Im Alter von ca. 10 Jahren besuchte ich öfter den Schreiner Grotz in Schwabegg. Wenn er am Späne-Ofen seine Pfeife rauchte, spürte ich Frieden und Geborgenheit in seiner Werkstatt. Da war für mich klar - ich werde Schreiner, konnte ich doch so auch meinen vertrauten Bäumen nahe sein.
Mit Beginn der Lehre fing ich an Intarsienarbeiten und Uhrengehäuse zu schnitzen.
Aber bald war mir der reine Werkstoff Holz zu wenig. Ich suchte das harmonische Leben und die natürliche Schönheit hinter dem Werkstoff Holz. Mit 21 Jahren machte ich mich selbständig und entwarf Möbel und Einrichtungen.
Ich fühlte es immer mehr, dass es Bäume für mich sind. Ich kaufte sie im Wald und lernte die Stimmungen in den Bäumen spüren, machte mich sensibel für das Leben im Baum. Hier war der Frieden von damals aus der Schreinerwerkstatt wieder wahrnehmbar.
So kamen besondere Bäume zu mir, die einen eigenen Namen bekamen und mich weiter auf dem Weg zogen hin zum Künstler und Holzgestalter. Die meisten Bäume/Skulpturen sind innen hochpoliert, bilden einen großem Freiraum. Außen ist das letzte gewachsene Jahr sichtbar. Der Baum lebt hauptsächlich zwischen der Rinde und den letzten ca. 5 Jahren: Er lebt ganz in der Gegenwart.
Das Vergangen-Erlebte ist verarbeitet, aufgebaut Ring um Ring bis zum letzten Jahresring verinnerlicht.
Von Innen empfinde ich Leuchten, mit einem großen klingenden Frei- und Resonanzraum. Mir erscheint der Baum mit dem Vergangenen in Frieden und in der Gegenwart lebend - das entspricht meiner Vision von gelingendem Leben.
Die Skulpturen entstehen aus einer Kommunikation mit unserer gemeinsamen Schöpfung. Die Oberflächen sind sinnlich wahrnehmbar. Ölen und unzähliges Polieren lassen ein Gefühl von wohlwollender Achtung beim Berühren erahnen.
Um zu erfassen, was er in mir bewegte, beschreibe ich das Geschehen und die Gefühle in der Kommunikation mit dem Leben und den Menschen. Dankbarkeit fühle ich für diesen Lebens-Weg mit dem Baum und damit, darin in seiner Schöpfung leben und arbeiten zu können.
. . . wie er´s bloß macht.
Danke
Vertrauen kann, wer das Gefühl hat, GETRAGEN zu werden…
Der Gottesdienst am Abend des 3. September 2022 schuf eine Verbindung zwischen KUNST, die in Form von Holzskulpturen den Kirchenraum schmückte und dem Tag der SCHÖPFUNG. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat die diesjährigen Veranstaltungen unter das Motto: „Die Liebe Gottes versöhnt und eint die leidende Schöpfung“ gestellt.
Der Künstler und Holzgestalter Bernhard Schmid setzte seine kinetischen Objekte im Chorraum selbst in Bewegung. Die drei Werke aus Mammutbaumholz tragen Gedanken und Werte in goldener Schrift gefasst auf der Oberfläche und erzeugen durch Zapfen im Innern Klänge. Noch zwei Wochen können alle, die die Kirche besuche, Kunst nicht nur theoretisch erfassen, sondern sie bewegen und sich selbst bewegen lassen, sie mit allen Sinnen erfahren. Weitere Werke finden Sie in der ganzen Kirche.
Dieses rege Teilhaben war wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes, da die Gemeinde viele komplette Kirchenlieder, die bisweilen nur mit einer Strophe bekannt sind, zur Orgelbegleitung von Juliane Widder singen durfte. Auch eine Wahrnehmungsübung vertiefte das Erleben.
Pfarrer Jean-Pierre Barraud erläuterte den eigentümlichen Begriff „ZimZum“, der auf einer Skulptur zu finden ist. In der jüdischen Tradition wird er mit „Verminderung der göttlichen Energie, die die Welt erschafft“ beschrieben. Tzvi Freeman nennt es eher „Anwesenheit durch Abwesenheit“. Pfarrer Barraud verdeutlichte, was gemeint ist, am Beispiel einer Trauersituation, bei der man nicht begreifen kann, wie Gott den Verlust zulässt. Dennoch kann man sich durch Gott getragen fühlen, weil man seine Anwesenheit spürt, auch wenn er vermeintlich abwesend ist.
In der Vernissage, die sich an den Gottesdienst anschloss, ergänzte der Ulmer Liedermacher Walter Spira diese Gedanken durch seine Musik.
Pfarrer Barraud machte die Anwesenden mit der Kunst vertraut, nachdem Bernhard Schmid seinen Werdegang geschildert hatte. Schmid, der schon früh einen Bezug zum Schreinerhandwerk fand, erlernte den Beruf mit seinen technischen Grundlagen, fühlte sich aber immer mehr zum Werkstoff Holz hingezogen und fand einen spirituellen Zugang zum Baum. Daher trifft für ihn die Bezeichnung Künstler und Holzgestalter in besonderer Weise zu.
Barbara Bauer
(wenn Sie das kleine „i“ in der linken oberen Ecke des Rahmens anklicken, kommen Sie zur Bildbeschreibung)
